2. September 2026 / Aus aller Welt

Bergwacht im Rampenlicht – Fans, Geschenke und Bewerbungen

Schneesturm, Gletscherspalten, Felswände: Die ARD-Bergwacht-Doku zeigt packende Einsätze - und hat die ehrenamtlichen Retter plötzlich zu Stars gemacht. Warum sich die Retter nicht als Helden sehen.

Schneesturm, Gletscherspalten, Felswände: Die ARD-Bergwacht-Doku zeigt packende Einsätze.
Veröffentlicht am 2. September 2026 um 09:54 Uhr von Sabine Dobel, dpa

Sie retten Verunglückte aus steilen Felswänden und suchen bei Schneesturm nach Vermissten – und sind plötzlich Fernsehstars. Die ARD-Dokuserie «In höchster Not – Bergretter im Einsatz» bringt der bayerischen Bergwacht ungewohnte Aufmerksamkeit. Fans kommen zu den Wachen, bitten um Selfies oder stellen Geschenkkörbe vor die Tür.

Auch Geldspenden und Bewerbungen gingen ein. «Das Feedback war gigantisch», sagt Toni Vogg, Bereitschaftsleiter der Bergwacht Grainau. Vor allem zur Veröffentlichung der zweiten Staffel habe es Hunderte E-Mails und Nachrichten in sozialen Medien gegeben.

Bergwacht-Haus als Tourismus-Attraktion 

Das Bergwacht-Haus in Grainau ist inzwischen auch ein touristisches Ziel. Manche Urlauber planten einen Besuch gezielt ein, berichtet Vogg. Sie kämen für Fotos vorbei oder um mit den Rettern ins Gespräch zu kommen.

Die erste Staffel erschien 2025, die acht Folgen der zweiten im Mai. Vom 7. September an laufen sie montags um 20.15 Uhr im BR Fernsehen. Eine dritte Staffel wird bereits gedreht und soll im kommenden Jahr erscheinen.

Die Retter aus Ramsau machen dabei Pause. Dafür sind neben den Bergwachten aus Grainau und Bad Reichenhall nun auch die Bergretter aus Oberstdorf dabei. Das Einsatzgebiet der 52 aktiven Einsatzkräfte erstreckt sich rund um Oberstdorf und den Allgäuer Hauptkamm. 

Szenen bei Nacht, Wind und Wetter sowie Millionen Abrufe

Schneesturm, Gewitter, Stirnlampen in der Nacht, Fels, Gletscherspalten: Die Bergwachtretter tragen Bodycams oder 360-Grad-Kameras am Helm. Die Doku geht hautnah heran – und zoomt mitten ins Geschehen. 

Teils drehen bergerfahrene Kamerateams unter Extrembedingungen. Die von der Bad Reichenhaller Firma Timeline Production für den BR produzierte Serie zählt dem Sender zufolge zu den bisher aufwändigsten Doku-Produktionen für die ARD Mediathek.

Die zweite Staffel kommt bereits auf knapp 8 Millionen Abrufe, beide zusammen auf rund 18,4 Millionen. «Wir haben schon damit gerechnet, dass die Serie interessant wird für die Leute, weil es so bildgewaltig ist», sagt Vogg. Die Abrufzahlen hätten dennoch alle überrascht.

Geschenkkörbe vor der Tür

Gelegentlich finden die Retter vor der Tür Geschenke: Mal ein Fresskorb mit Wurst, Käse und Speck, mal ein Kasten Bier. Mitunter würden Einsatzkräfte im Alltag angesprochen - am Berg, im Ort und im Supermarkt: «Ich kenne dich irgendwoher» oder «Seid ihr nicht die aus der Serie?»

Manche hätten Geld gespendet oder sich für eine Fördermitgliedschaft entschieden. «Die meisten finden es Wahnsinn, was wir machen, und dass wir das ehrenamtlich machen, in unserer Freizeit.» 

Die rund 4.000 Retter der Bergwacht Bayern arbeiten ehrenamtlich. Die Serie habe das Ehrenamt sichtbarer gemacht und das Interesse an einer Mitarbeit gesteigert, sagt Bergwachtsprecher Roland Ampenberger.

Kletterhalle genügt nicht 

Die Anforderungen sind hoch. Bewerber sollten vor Ort wohnen: «Wir haben Ausrückzeiten von maximal zehn Minuten, wenn der Heli fliegen muss», sagt Vogg. Auch der Arbeitgeber müsse hier mitspielen.

Sportliche Fitness allein reicht nicht. Es gebe Anfragen von Menschen, die in der Kletterhalle schwierige Routen schafften - doch das bringe am Berg wenig. Wer Bergretter werden will, braucht eine gute Skitourentechnik, muss im Fels sicher und schnell unterwegs sein, Wetter und Gelände einschätzen können, so Vogg. «Was wir brauchen, ist der Allrounder.»

«Helden liegen am Friedhof»

Die verwackelten Bilder der Bodycams zeigen Retter, die sich aus dem Hubschrauber zu Verunglückten abseilen, sich bei Wind und Wetter durch unwegsames Gelände vorkämpfen. Notrufe verzweifelter Hundebesitzer wegen verunglückter Vierbeiner gehen ein - und immer öfter müssen Menschen, die sich überschätzt haben, am Ende per Seilwinde und Helikopter geholt werden. 

Das alles klingt spannend, nach Abenteuer. Doch Heldentaten wolle in der Bergwacht niemand vollbringen: «Helden liegen am Friedhof», sagt Vogg. «Wir wollen gesund wieder heimkommen.» 

Die Fälle sind auch eine Mahnung zu Vorsicht und verantwortungsvoller Planung. Die Bergwacht Bayern hat schon jetzt alle Hände voll zu tun. Mehr als 9.000 Mal rückten die Bergretter laut Bergwachtsprecher Ampenberger 2025 aus – fast 1.000 Mal mehr als im Jahr 2023. Vor allem die Zahlen der Sommereinsätze zeigen seit zehn Jahren nach oben. «Berge sind keine normierten Räume wie wir sie aus dem Tal oder der Stadt kennen», mahnt Ampenberger.

Fernsehbilder nicht mit Alltag verwechseln 

Die Serie zeigt vor allem Action und meist Einsätze, die gut ausgehen – auch um Angehörige nach Todesfällen nicht zusätzlich zu belasten. «Wir kriegen vieles hin. Aber es geht halt auch mal nicht gut aus», sagt Vogg. Man dürfe die Fernsehbilder mit dem gesamten Alltag der Bergretter nicht verwechseln. «Es gibt nicht nur den Hochglanz nach außen.» 

Zum Ehrenamt gehöre auch, Ausrüstung zu warten, Autos zu putzen oder Holz für die Hütte zu machen. «Wir machen es gern, sonst würden wir unsere Freizeit nicht investieren.» Für viele sei die Bergwacht Familientradition.

«Ein Ort lebt davon, dass sich jeder engagiert», sagt Vogg – ob in Bergwacht, Wasserwacht, Feuerwehr oder Nachbarschaftshilfe. «Wir haben Publicity damit gekriegt», sagt er über die Serie. «Aber es gibt auch sehr viele andere Ehrenämter.» Auch Ampenberger betont, es gehe um mehr als die Bergretter im TV: «Jeder, der sich ehrenamtlich engagiert, ist wertvoll.»


Bildnachweis: © BR/Timeline Production/Bayerischer Rundfunk/dpa
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