15. Juni 2023 / Aus aller Welt

Filmstar und unbequeme Politikerin: Glenda Jackson ist tot

Glenda Jackson war eine der gefragtesten Charakterdarstellerinnen auf der Bühne und vor der Kamera. Doch für ihre Politik-Karriere gab die zweifache Oscar-Gewinnerin die Schauspielerei auf. Aber nicht für immer.

Die britische Schauspielerin Glenda Jackson bei einer Gala in New York (2019). Sie starb mit 87 Jahren.
von Philip Dethlefs, dpa

Mehr als ein Vierteljahrhundert hatte Glenda Jackson dem Filmgeschäft den Rücken gekehrt und sich der Politik gewidmet, bis sie vor einigen Jahren ihr überraschendes Comeback als Schauspielerin gab. Die Premiere ihres letzten Filmprojekts «The Great Escaper» erlebt Glenda Jackson nicht mehr mit. Die zweifache Oscar-Preisträgerin und ehemalige Abgeordnete des britischen Unterhauses starb am Donnerstag nach kurzer Krankheit im Alter von 87 Jahren in London. Das teilte ihr Agent der Nachrichtenagentur PA mit.

Glenda Jackson zählte zu den profiliertesten Schauspielerinnen Großbritanniens und war vor allem in den 1970er Jahren einer der gefragtesten Stars in Hollywood. Ihre Rolle in dem Drama «Liebende Frauen» brachte der versierten Charakterdarstellerin 1971 einen Oscar als beste Hauptdarstellerin ein. Drei Jahre später erhielt sie ihren zweiten Academy Award für die romantische Komödie «Mann, bist du Klasse!».

Mitglied der Royal Shakespeare Company

Zuvor hatte die Britin, die 1936 als Glenda May Jackson in Birkenhead im Nordwesten Englands geboren wurde, am Theater und bald darauf mit kleineren Film- und Fernsehrollen auf sich aufmerksam gemacht. Mit 16 hatte sie die Schule verlassen und war nach London gezogen, wo sie ein Stipendium an der Londoner Royal Academy of Dramatic Art ergatterte. 1957 gab sie ihr Bühnendebüt, ab 1964 gehörte Jackson mehrere Jahre zum Ensemble der berühmten Royal Shakespeare Company.

Nach dem Durchbruch in Hollywood wurden die 70er Jahre zu Jacksons Jahrzehnt. Insgesamt viermal war sie in dieser Zeit als beste Hauptdarstellerin bei den Oscars nominiert. Nicht ein einziges Mal wohnte die vielbeschäftigte Britin der glamourösen Zeremonie in Los Angeles bei. «Ich hab immer gearbeitet», sagte sie dem Magazin «Entertainment Weekly». Die Oscars seien ohnehin «nicht so wichtig, wie alle denken». «Man spielt nicht, um einen Preis zu bekommen. Ich habe (die Oscars) nicht gewonnen. Man hat sie mir gegeben.»

Darüberhinaus erhielt Jackson, die auch am Broadway gefeiert wurde, unter anderem einen Golden Globe, drei Emmys und einen Tony Award. Direkt nach ihrem Schauspiel-Comeback im TV-Drama «Elizabeth Is Missing», in dem sie eine an Alzheimer erkrankte Frau spielt, wurde sie 2020 bei den Bafta TV Awards als beste Hauptdarstellerin ausgezeichnet. «Wir müssen als Gesellschaft dafür sorgen, dass Menschen, die unter dieser Krankheit leiden, gut versorgt werden», mahnte sie in ihrer Dankesrede. Zeitlebens engagierte sie sich für soziale Belange.

Ihre Ehe mit dem Politikberater Roy Hodges, aus der 1969 der gemeinsame Sohn Dan hervorging, ging 1976 nach rund 20 Jahren in die Brüche. Jackson heiratete nie wieder. Stattdessen widmete sie sich mit Leidenschaft ihrem Job. Sie sei in ihrer Jugend mit einer starken Arbeitsmoral gesegnet worden, sagte sie. «Wer nicht gearbeitet hat, hat auch nicht gegessen».

Kritik an der «Eisernen Lady»

Neben der Schauspielerei war die Politik Jacksons große Leidenschaft, womöglich sogar die größere. Mit Mitte 50 beendete Jackson ihre Karriere als Schauspielerin, um bei den Parlamentswahlen 1992 für die Labour-Partie zu kandidieren. Mit Erfolg. Sie zog ins Unterhaus ein, wo sie als scharfe Kritikerin des politischen Vermächtnisses von Margaret Thatcher und der Konservativen auffiel.

Die Politik der «Eisernen Lady», die von 1979 bis 1990 britische Premierministerin war, nannte Jackson «zerstörerisch». Dass sie sich im Unterhaus weigerte, Thatcher nach deren Tod zu würdigen und statt dessen noch einmal verbal gegen die Verstorbene austeilte, sorgte 2013 für eine Kontroverse.

Auch gegenüber ihrer eigenen Partei sparte Jackson, die zum linken Flügel zählte, nicht mit Kritik. Das bekam zum Beispiel der damalige Labour-Premierminister Tony Blair zu spüren, als sich die unbequeme Jackson deutlich gegen den Einmarsch in den Irak aussprach. Mehr als 20 Jahre saß sie als Abgeordnete im britischen Parlament. Mit dem Versuch, Bürgermeisterin von London zu werden, scheiterte sie Ende der 1990er Jahre.

2015 zog sich die Britin endgültig aus der aktiven Politik zurück, blieb aber politisch aufmerksam. «Ich möchte da nicht mehr sein», sagte sie im Interview des US-Fernsehsenders CBS über das britische Parlament. «Ich bin in der glücklichen Position, wo ich draußen sitzen und die (Politiker) beschimpfen kann, und das mache ich.»

Tony Award mit 82 Jahren

Mit ihrer Meinung über ehemalige Kollegen hielt Glenda Jackson auch nach dem Abschied aus dem Parlament nicht hinterm Berg. «Ich habe auf den Gängen des Parlaments Leute auf- und abgehen sehen, deren Egos man im professionellen Theater keine 30 Sekunden toleriert hätte», erzählte sie im CBS-Interview.

Ein Jahr später stand die Kettenraucherin mit der tiefen Stimme wieder auf der Theaterbühne, zunächst in London für Shakespeares «King Lear», dann am Broadway in Edward Albees «Three Tall Women», für das sie - damals 82-jährig - den Tony Award erhielt. Wieder Filme zu drehen, hatte sie ursprünglich nicht vorgehabt. «Es wäre mir gar nicht in den Sinn gekommen», betonte Jackson, als sie 2020 in London ihre Bafta-Trophäe entgegennahm, «aber dann kam ein Angebot.»

Zwei weitere Filme drehte sie noch. In der historischen Romanze «Ein Festtag» spielt sie an der Seite von Olivia Colman und Colin Firth. Für das Drama «The Great Escaper», das auf der wahren Geschichte des Kriegsveteranen Bernard Jordan beruht, stand sie nach 47 Jahren wieder mit Michael Caine vor der Kamera. 1975 hatte sie mit Caine «Die romantische Engländerin» gedreht. Wann Glenda Jacksons letzter Film in die Kinos kommt, ist bislang nicht bekannt.


Bildnachweis: © Evan Agostini/Invision/AP/dpa
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