21. September 2023 / Aus aller Welt

Gangs of Stockholm: Tödliche Bandengewalt schockt Schweden

Schweden galt lange Zeit als Inbegriff der Friedlichkeit. Ein ausgeprägter Bandenkonflikt lässt von diesem Bild nicht mehr viel übrig. Besonders dramatisch ist, wie Teenager in die Spirale der Gewalt hineinrutschen.

Medizinisches Personal steht in Solna nördlich von Stockholm an der Stelle, an der ein Mann erschossen aufgefunden wurde.
von Steffen Trumpf, dpa

Die Lage in Schweden ähnelt derzeit eher einem Krimi von Stieg Larsson als einer friedlichen Erzählung von Astrid Lindgren. Das viel beschriebene Bullerbü-Idyll des Landes hat durch die immer wieder eskalierende Gewalt unter kriminellen Gangs arg Risse erhalten. Sieben Menschen wurden jüngst innerhalb von nur zehn Tagen rund um die Hauptstadt Stockholm erschossen. Im Durchschnitt einmal pro Tag fallen irgendwo im Land Schüsse. Immer wieder sind Minderjährige beteiligt. Wie konnte es so weit kommen?

«Die Situation wie jetzt haben wir wohl seit 1945 nicht gehabt. Es ist eine gefährliche Zeit», sagte der erfahrene Polizist Jale Poljarevius zuletzt in der Rundfunksendung «Agenda» zur jüngsten Gewaltwelle. Als Geheimdienstchef in der Polizeiregion Mittelschweden leitet er eine Einheit, die sich explizit mit den Gangs befasst. «Wir sehen, dass die Gewalt definitiv gröber geworden ist», sagte er. Es sei unglaublich, dass ausgerechnet ein Land wie Schweden so etwas erleben müsse. «Aber das ist die düstere Realität, der wir ins Auge blicken und die wir mit allen Mitteln bekämpfen müssen.»

Nun ist die Bandenkriminalität in Schweden nichts grundlegend Neues. Seit mehreren Jahren schon hat das skandinavische EU-Land damit zu kämpfen. Dutzende Gangs liefern sich Konflikte, laut der Regierung sind momentan schätzungsweise 30.000 Menschen Mitglieder dieser Banden. Dabei geht es in erster Linie um das große Geld, das im lukrativen Drogengeschäft zu holen ist. Schweden ist nach Angaben des schwedischen Zolls längst zu einem Transitland für Kokain aus Lateinamerika auf dem Weg nach Europa geworden.

Dutzende Tote und Verletzte

All das führt zu Gewalt, die sich immer wieder in Schüssen und vorsätzlich herbeigeführten Explosionen äußert: In den ersten 258 Tagen des Jahres 2023 gab es laut offizieller Polizei-Statistik mehr als 260 Schusswaffenvorfälle mit 34 Toten und 71 Verletzten - manche Opfer der vergangenen Tage sind da noch nicht mit eingerechnet.

Manchmal geraten auch Unbeteiligte wie die zwölfjährige Adriana in die Schusslinien - das Mädchen war vor rund drei Jahren beim Gassigehen erschossen worden. Hinzu kamen in diesem Jahr bislang mehr als 120 Explosionen, bei denen jedoch generell weitaus seltener Menschen zu Schaden kommen. Diese Taten sind vielmehr dazu gedacht, Rivalen einzuschüchtern.

Was jedoch neu ist: die Eskalationsstufe. Zum Pulverfass hat sich gerade die Hauptstadtregion um Stockholm und die Universitätsstadt Uppsala entwickelt. Hier wurden zwischen dem 7. und 16. September gleich sieben Menschen erschossen, darunter auch mindestens ein Unbeteiligter ohne Kontakte ins Bandenmilieu.

«Derzeit befinden sich die kriminellen Netzwerke in einer sehr gewaltsamen, eskalierenden Phase», sagte der Kriminologe Christoffer Carlsson von der Universität von Stockholm. Die Gangs seien dazu übergegangen, auch Angehörige von Bandenmitgliedern anzugreifen. «Wenn es schwierig ist, an die Mitglieder ranzukommen, dann werden sie über Verwandte angegriffen», erklärte der Universitätsdozent. «Es ist eine schreckliche Entwicklung, aber nicht ganz unerwartet.»

Eine Racheaktion jagt die nächste

Im Zentrum der jüngsten Gewaltwelle steht der 36 Jahre alte Anführer des sogenannten Foxtrot-Netzwerks. Er ist in Schweden unter dem Namen «Der kurdische Fuchs» bekannt und soll sich mit einem 33 Jahre alten anderen führenden Mitglied des Netzwerks überworfen haben. Beide sollen sich in der Türkei versteckt halten. Nach Informationen des Rundfunksenders SVT nahm dort Anfang September die jüngste Gewalt ihren Anfang: Erst soll jemand aus dem Lager des 33-Jährigen in Istanbul misshandelt, dann auf eine Unterkunft mit Verbindungen zum Lager des «kurdischen Fuchses» geschossen worden sein.

Dieser Konflikt wurde in kürzester Zeit nach Schweden getragen: Am 7. September wurde in Uppsala eine Frau im Alter von rund 60 Jahren erschossen - die Mutter des 33-Jährigen. Laut Polizei handelte es sich um eine regelrechte Hinrichtung. Seitdem jagt eine Racheaktion die nächste - und Schweden ist geschockt, wie zunehmend Minderjährige in die Gewalt hineingezogen werden, manche davon 14 Jahre und jünger.

Minderjährige werden angelockt und ausgenutzt

Die Zahl der Mordanklagen gegen Minderjährige ist nach SVT-Berichten in den vergangenen Jahren stark gestiegen. «Das ist natürlich eine tragische Entwicklung - dass Kinder und Jugendliche zu Mördern und auch zu Verbrechensopfern werden in dem Teufelskreis, in den sie hineingezogen werden», sagte Justizminister Gunnar Strömmer dazu.

Angelockt werden die Jugendlichen von den Gangs unter anderem mit teurer Kleidung, Geld und einem Gefühl von Gemeinschaft - und nicht ohne Hintergedanken: Sie werden oft für die grobe Arbeit eingesetzt, und gemäß dem Jugendstrafrecht in Schweden drohen ihnen bei Verurteilungen deutlich geringere Haftstrafen als Erwachsenen - damit sind sie für die Banden schon nach wenigen Jahren wieder einsetzbar.

Kriminologe: «Noch ein langer, langer Weg»

Wie all das endet, ist unklar. Konkrete Pläne, wie die Rekrutierung von Minderjährigen gestoppt werden soll, hat die Regierung bislang nicht präsentieren können. Präventionsmaßnahmen bereits bei jüngeren Kindern in Problembezirken und größere Kraftanstrengungen bei der Integration stehen im Raum, Strömmer kann sich auch separate Jugendgefängnisse vorstellen - selbst für 13- oder 14-Jährige.

Kriminologe Carlsson rechnet damit, dass es 10, 15 Jahre dauern dürfte, um die Schusswaffengewalt in den Griff zu bekommen - wenn man heute damit beginnt. Ein früher Indikator für den richtigen Weg sei, wenn die Zahl der Neurekrutierungen der Netzwerke zurückgehe und schließlich aufhöre, sagte er. «Dann beginnen wir, das Ende zu sehen - aber bis dahin ist es noch ein langer, langer Weg.»


Bildnachweis: © Christine Olsson/TT News Agency/AP/dpa
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