25. Oktober 2023 / Aus aller Welt

Helikopter-Flucht: Gericht urteilt über Gefängnisausbrecher

Als Meisterausbrecher blamiert ein Schwerkrimineller die französische Justiz. Erst sprengt er Gefängnistüren auf, dann lässt er sich von Komplizen abholen - per Hubschrauber. Nun droht eine lange Haft.

Der Hubschrauber Alouette II, mit dem Rédoine Faïd aus dem Gefängnis in Reau floh.
Veröffentlicht am 25. Oktober 2023 um 06:00 Uhr von Michael Evers, dpa

Mit einem kinoreifen Gefängnisausbruch per Hubschrauber und der Hilfe eines bewaffneten Kommandos hatte der Schwerkriminelle Rédoine Faïd vor fünf Jahren in Frankreich für Schlagzeilen gesorgt.

Zum zweiten Mal machte sich der auf Überfälle auf Geldtransporter und Banken spezialisierte Ganove damals aus der Haft davon und hielt die französische Justiz zum Narren. Heute wird vor Gericht in Paris das Urteil gegen den 51-Jährigen und elf mutmaßliche Helfer erwartet. Die Anklage forderte 22 Jahre Haft für den geständigen Ausbrecher, seine Verteidigerin plädierte auf fünf bis acht Jahre Gefängnis.

Andere Häftlinge applaudierten

Drei bewaffnete Komplizen hatten am 1. Juli 2018 einen Hubschrauber in ihre Gewalt gebracht. Damit landeten sie in einem Hof des Gefängnisses von Réau südöstlich von Paris und nahmen Faïd an Bord. Unter dem Applaus anderer Häftlinge flog der Hubschrauber davon. Der Ausbruch dauerte nur wenige Minuten, niemand wurde ernsthaft verletzt. Mitangeklagt sind auch zwei seiner Brüder und drei Neffen. Der schon mehrfach zu Freiheitsstrafen verurteilte Faïd war drei Monate nach seiner Flucht bei Paris gefasst worden. Um von den Fahndern nicht aufgespürt zu werden, hatte er sich zeitweilig auch unter einer Burka versteckt, also unter einem Ganzkörperschleier.

2013 bereits war Faïd eine spektakuläre Flucht aus einem Gefängnis gelungen. Dazu ließ er Sprengstoff an fünf Türen der Haftanstalt detonieren und nahm vier Aufseher vorübergehend als Geiseln. Mit einem Steckbrief suchte die Polizeiorganisation Interpol damals in den 190 Mitgliedsstaaten nach dem Ausbrecher. 2018 hatte ein Gericht Faïd wegen seiner mutmaßlichen Rolle bei einem gescheiterten Raubüberfall 2010 zu 25 Jahren Haft verurteilt. Bei einer Verfolgungsjagd war damals eine Polizistin getötet worden.

Gefragter Talkshow-Gast

Außer von Fahndungsplakaten kannten die Menschen in Frankreich den Schwerkriminellen damals längst als gefragten Talkshow-Gast. Faïd, der nach eigenen Worten schon als Jugendlicher von Gangsterfilmen fasziniert war, veröffentlichte 2010 nach einer ersten langen Haftstrafe einen autobiografischen Roman und war danach Gast in zahlreichen TV-Sendungen. «Bankräuber: Von der Vorstadtsiedlung zum Großkriminellen» lautete sein Buch.

Anders als in dem Roman angekündigt, ging seine kriminelle Karriere aber weiter. Inspiriert wurde er dabei auch von dem Gangsterfilm «Heat», wie er dem Macher des Films, Michael Mann, bei einer öffentlichen Begegnung gestand. Immer wieder habe er sich den Film begeistert angeschaut, auch zu Lernzwecken.

Pilot mit Gewalt gezwungen

Vor Gericht entschuldigte sich der Schwerkriminelle bei dem Hubschrauberpiloten Stéphane Buy, der ihn vor fünf Jahren unter Zwang aus dem Gefängnis flog und der ihm nun gegenüber saß. Die Flucht sei gewalttätig gewesen und habe Menschen traumatisiert, heute würde er die Aktion nicht erneut durchziehen. Zwei Komplizen hatten bei dem Piloten einen Flug gebucht, ihn aber bereits am Flugplatz bedroht, damit er einen bestimmten Hubschrauber nimmt. «Sie haben mich genötigt und gewarnt, dass meine Familie in Gefahr sei», sagte der Pilot damals. Später wurde er auch geschlagen und zu dem Gefängnis dirigiert.

Auf der Anklagebank gab der Profigangster sich in Paris nun reumütig - und gelobte Besserung. Er werde nicht wieder von vorne loslegen. Die Justiz war währenddessen auf Nummer sicher gegangen und hatte besondere Sicherheitsvorkehrungen für das Verfahren getroffen. Unter anderem war eine Eliteeinheit der Gendarmerie im Einsatz, um jeden erneuten Fluchtversuch zu vereiteln.


Bildnachweis: © Geoffroy Van Der Hasselt/AFP/dpa
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