30. Dezember 2025 / Aus aller Welt

Tödliche Tradition: Silvester-Böllerei lässt Tiere leiden

Glücksgefühle bei den einen – Todesangst bei etlichen anderen: Für Tiere bedeutet der Jahreswechsel oft tagelange Tortur.

Genaue Zahlen dazu, wie viele Tiere in der Silvesternacht in panischer Flucht verletzt werden oder sterben, gibt es nicht. (Archivbild)
Veröffentlicht am 30. Dezember 2025 um 12:48 Uhr von dpa

Dass es mal blitzt und donnert, sind Tiere von Gewittern gewohnt – die inzwischen kriegsähnliche Böllerei zum Jahreswechsel allerdings versetzt viele von ihnen in tödliche Panik. «Silvester ist eine Katastrophe für Tiere», sagt Klaus Hackländer, Vorstand der Deutschen Wildtier Stiftung. Nach jeder Silvesternacht lägen tote Vögel in der Gegend, die in Panik etwa gegen Wände geflogen seien, in den Alpen stürzten Gämsen von Felsen, wenn an Almhütten Feuerwerk gezündet werde.

Feuerwerk boomt – die Nachfrage liegt in diesem Jahr auf Rekordniveau: Von Januar bis September wurden mehr als 42.400 Tonnen Feuerwerkskörper nach Deutschland importiert, noch einmal fast zwei Drittel (62,6 Prozent) mehr als im Vorjahreszeitraum, wie das Statistische Bundesamt berichtet.

Genaue Zahlen dazu, wie viele Tiere in der Silvesternacht in panischer Flucht verletzt werden oder sterben, gebe es nicht, sagt Hackländer. Ohnehin sei das tatsächliche Ausmaß wahrscheinlich weitaus größer: Etliche Tiere lebten im Winter auf Sparflamme – nicht nur die Winterschläfer, sondern zum Beispiel auch Singvögel und Rehe, die sich nicht mehr bewegten als zwingend nötig. Die tagelange Aufruhr um Silvester herum bedeute einen deutlich höheren Grundumsatz und damit schwindende Reserven.

Nicht alle können den Energiespeicher auffüllen

In den kritischen Bereich könnten dadurch vor allem kleine Tiere geraten. «Eine Kohlmeise verliert schon in einer normalen Nacht etwa zehn Prozent ihres Körpergewichts», erklärt der Wildtierbiologe. Gerade bei sehr kalter Witterung kann es Vögeln wie Zaunkönig und Wintergoldhähnchen schwer fallen, ausreichend Energie nachzufuttern, wenn sie über Tage hinweg immer wieder von Böllern aufgeschreckt werden und wenig Zeit zur Futtersuche haben.

«Jedes Jahr berichten Ornithologen am 1. Januar von erkennbar verstörten Vogelschwärmen und von fluchtartig verlassenen, leergefegten Ruheplätzen, die sonst immer voll sind mit überwinternden, rastenden Vogelscharen», heißt es beim Naturschutzbund (Nabu) Hessen. «Und das zu einer Jahreszeit, in der jede unnötige Beunruhigung der Tiere unterlassen werden sollte, damit die notwendigen Energiereserven, um über den Winter zu kommen, nicht vorzeitig aufgezehrt werden müssen.»

Auch größere Tiere leiden. Igel wachen aus dem Winterschlaf auf, Rehe und Wildschweine fliehen – beides verbraucht wertvolle Winterfettreserven, wie Hackländer sagt. Da die erste Milch für Kitze im Mai oft aus diesen Fettreserven gespeist werde, könne der Stress zum Jahreswechsel schlechtere Überlebenschancen für den Nachwuchs im Frühjahr bedeuten.

Niederlande machen es vor

Dass Veränderung möglich ist, zeigen die Niederlande. Dort gibt es diesmal die letzte Silvesternacht mit Böllern: Ab dem Jahreswechsel 2026/2027 soll nach einem Parlamentsbeschluss ein Böllerverbot gelten. Die Mehrheit von 62 Prozent der Niederländer steht hinter dem Verbot.

«Traditionen ändern sich, insbesondere, wenn sie nicht mehr zeitgemäß sind», heißt es vom Nabu Hessen. Es gebe viele andere mögliche Rituale, um in das neue Jahr zu starten. «Wichtig ist vielen doch das schöne Gemeinschaftserlebnis – das Jahr muss nicht im großen Krach enden.»


Bildnachweis: © Patrick Pleul/dpa-Zentralbild/dpa
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