20. Mai 2022 / Aus aller Welt

Wie sich Tierärzte um Bienengesundheit kümmern

Bienen bestäuben Pflanzen und liefern Honig. Sie gehören zu den wichtigsten Nutztieren in der Landwirtschaft. Inzwischen gibt es spezielle Fachtierärztinnen und -ärzte, die sich um Bienen kümmern.

«Bienen zählen zu den wichtigsten Nutztieren», sagt Amtstierarzt Björn Wilcken.
von Vanessa K

Wenn Hobby-Imker Björn Wilcken sich seine Bienenstöcke anschaut, achtet er auf andere Dinge als viele Imker-Kollegen und -Kolleginnen. Denn Wilcken ist Tierarzt und bald sogar Fachtierarzt für Bienen - einer von nur gut einem Dutzend in Deutschland.

«Bienen zählen zu den wichtigsten Nutztieren», sagt Wilcken. Daher nehme das Bewusstsein zu, dass man sich um ihre Gesundheit kümmern müsse.

Als angehender Fachtierarzt kümmert sich Wilcken nicht nur um die eigenen Bienen. Er ist Amtstierarzt in Berlin. Sein Bienenfachwissen braucht er zum Beispiel, wenn Imker mit ihren Bienenvölkern umziehen möchten. «Ich muss zum Beispiel einschätzen können, ob es Anzeichen der Amerikanischen Faulbrut gibt, damit sie keine Seuchen umhertragen», sagt Wilcken. Seine Arbeit ist auch wichtig, damit Honig ein sicheres Lebensmittel ist.

Fachtierärzte für Bienen noch selten

Während Bienen und Bienenhaltung sich wachsender Beliebtheit erfreuen, sind die Bienenärzte noch eine kleine Gruppe. Gerade mal 17 auf Bienen spezialisierte Tierärztinnen und Tierärzte gibt es bundesweit laut der Statistik der Bundestierärztekammer für das Jahr 2020. Davon haben neun einen Facharzttitel, die anderen acht eine Zusatzbezeichnung «Bienen».

Viele von ihnen sind wie Björn Wilcken im Öffentlichen Dienst tätig oder in Laboren. Kaum jemand hat eine typische Kleintierpraxis oder eine Fahrpraxis. «Die Geschäftsidee der Bienenpraxis ist ehrenhaft, aber unternehmerisch nicht sinnvoll», sagt Wilcken. Unter anderem weil Imker Medikamente in der Regel frei beziehen könnten.

Wichtige Aspekte: Futter, Flugverhalten und Standort

Auch die Arbeit als Bienendoktor gestaltet sich anders als bei Hund, Katze, Pferd, Schwein oder Rind. Denn bei den speziellen Patienten sind Blutuntersuchungen oder Abhören mit einem Stethoskop nicht möglich. «Wir schauen uns weniger die Biene einzeln an, als mehr das ganze Sozialgefüge inklusive Bienenstock», sagt Wilcken. Er achtet auf Aspekte wie: Fliegen die Bienen ruhig oder aufgeregt? Haben sie genügend Futter? Sind Waben verschimmelt? Legt die Königin genügend Eier? Wie ist die Standortumgebung? Danach nimmt er gegebenenfalls Proben: von Honig, Waben, Futterkranz oder auch toten Bienen.

Muss eine Krankheit behandelt werden, kann zum Beispiel ein Gegenmittel im Bienenstock versprüht werden. Da es für Bienen aber nur wenige Medikamente gibt, ist die Vorbeugung von Krankheiten wichtig, etwa einem Befall mit Varroamilben. Dieser Parasit schwächt die Bienen und kann zudem krankmachende Viren übertragen.

Dass Wilcken Bienenkrankheiten diagnostizieren und behandeln kann, liegt an seinem eigenen Engagement. Traditionell werden Bienen in der Tierarztausbildung nur als Teil der Parasitologie oder als Wahlfach gelehrt, erzählt Heike Aupperle-Lellbach. Die Veterinärin war die erste Fachtierärztin für Bienen in Deutschland. Als damals wissenschaftliche Mitarbeiterin der Universität Leipzig hat sie vor einigen Jahren angestoßen, dass eine Ausbildung zum Bienen-Fachtierarzt in Deutschland angeboten wird.

Fachgruppe für Bienen in der DVG

Aupperle-Lellbach beklagt, dass zum Beispiel bei neuen Gesetzen meist nur Imker und Biologen gefragt würden. «Die machen einen super Job, aber Tierseuchenbekämpfung, Lebensmittelrecht oder Arzneimittelrecht sind veterinärmedizinische Themen.»

Um die Bedeutung der Biene im Veterinärwesen zu stärken, hat sie 2014 eine Fachgruppe für Bienen in der Deutschen Veterinärmedizinischen Gesellschaft (DVG) angestoßen. Inzwischen leitet Björn Wilcken die Gruppe. Auf der Website der Fachgruppe sind alle Kontaktdaten der tierärztlichen Bienenexperten gelistet - in der Hoffnung, dass die Veterinäre zum Beispiel bei der Bekämpfung der Amerikanischen Faulbrut kontaktiert und miteinbezogen werden.

«Wir müssen uns aber eingestehen, dass wir nicht so viele Bienenärzte haben, wie wir brauchen», sagt Wilcken. Laut Aupperle-Lellbach ließe sich das ändern, wenn die Tierärztekammern individuellere Lösungen ermöglichten, um Leistungen für die Facharztausbildung anzuerkennen. Sie selbst konnte den Titel nach eigenen Angaben nur bekommen, weil die Tierärztekammer ihr Selbststudium anerkannt hat - schließlich gab es noch keine Ausbildung. Die Akademie für tierärztliche Fortbildung (ATF) der Bundestierärztekammer bietet seit 2015 Fortbildungen für Tierärztinnen und Tierärzte zu Bienenthemen an.

Weiterbildung nach dem Studium nur an wenigen Einrichtungen

Dass Bienenexperten immer noch eher eine Rarität sind, ist nicht nur in Deutschland so. «Bienenlehre bekommt in der EU im veterinärmedizinischen Studium weniger Aufmerksamkeit als andere Fachgebiete», schlussfolgerte eine internationale Forschergruppe in einer 2019 erschienen Überblicksarbeit. Versuchstierkunde oder Fische würden zum Beispiel stärker thematisiert. Dabei sei die Bienensterblichkeit aufgrund verschiedener Einflüsse wie Pestizideinsatz und Klimawandel groß. Eine Weiterbildung nach dem Studium gibt es laut der Studie europaweit nur an 19 Einrichtungen.

Hobby-Imker und Amtsarzt Wilcken sieht die Bienenveterinäre aber auch als Netzwerker, die ihre Expertise mit dem Wissen anderer Bienenexperten verknüpfen wollen. «Die Biene ist ein zu vielfältiges Wesen, um sie nur einer Berufsgruppe zuzuordnen», so Wilcken. «Wenn jeder etwas mitbringt zum Buffet, dann wird es ein großartiger Abend.»


Bildnachweis: © Christophe Gateau/dpa
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