30. April 2023 / Aus aller Welt

Zehn Klima-Signale, die - ein bisschen - Hoffnung geben

Mit Blick auf die Klimakrise ist Hoffnung nicht das erste Wort, das einem in den Sinn kommt. Doch es gibt auch Entwicklungen, die ein wenig Mut machen könnten. Zehn Beispiele.

Ein Solarpark in unmittelbarer Nähe zu Windkraftanlagen im rheinland-pfälzischen Wahlheim.
von Christine Cornelius, dpa

Angesichts von Überschwemmungen, Dürren und schmelzenden Gletschern kann leicht die Hoffnung schwinden, dass der menschengemachte Klimawandel noch zu bremsen ist. Doch es gibt sie, die Signale, die Hoffnung geben können - wenn auch nicht gerade zahlreich.

«Die Menschheit geht immer noch in die falsche Richtung: Der weltweite Ausstoß von Treibhausgasen steigt weiterhin, es bräuchte internationale Kooperationen, davon gibt es aber leider immer weniger», sagt Klimaforscher Mojib Latif im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur. «Als Wissenschaftler bin ich relativ frustriert und ohne große Hoffnung. Als Mensch sage ich: Wir müssen die positive Sicht stärken und dynamisieren. Wir wissen, wie wir die Pariser Klimaziele erreichen, setzen das Wissen aber nicht oder nicht konsequent um. Bei vielem stimmt die Richtung, aber die Geschwindigkeit nicht.»

Deutschland habe eine historische Verantwortung und als große Industrienation eine Vorbildrolle. Daher sei es durchaus sinnvoll, nationale Erfolge im Klimaschutz zu betonen, auch wenn die weltweite Bilanz ein anderes Bild zeige, sagt Latif, der am Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel (Geomar) tätig ist. «Und Deutschland hat da tatsächlich einiges erreicht.»

ERNEUERBARE ENERGIEN: Mit dem Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) brachte die damalige rot-grüne Bundesregierung im Jahr 2000 die Energiewende auf den Weg. Das EEG regelt seither den Ausbau und die Förderung der erneuerbaren Energien in Deutschland. Sie sollen langfristig zum wichtigsten Energieträger werden. «Durch das Gesetz, das Deutschland damals praktisch im Alleingang gemacht hat, sind erneuerbare Energien bezahlbar geworden», sagt Klimaexperte Latif. «Dank dem EEG boomen sie heute und sind konkurrenzlos billig, auch mit Blick auf die Erzeugungskosten, ganz zu schweigen von den Folgekosten fossiler Energieträger.»

Beim Ausbau sei noch ein weiter Weg zu gehen, aber er sei sichtbar. «Hoffnung bedeutet: Es gibt einen Weg. Wir müssen nicht erst etwas erfinden», betont Latif. «Die Hoffnung wäre, dass die Politik jetzt so schnell die Rahmenbedingungen verändert, dass die Industrie sieht: Es gibt keinen anderen Weg als den der erneuerbaren Energien.»

FLEISCHPRODUKTION: Die Fleischproduktion in Deutschland ist nach Zahlen des Statistischen Bundesamtes im vergangenen Jahr gesunken - sie lag mit 7,0 Millionen Tonnen gut 8 Prozent unter dem Wert aus dem Jahr 2021. Die Verbraucherorganisation Foodwatch begrüßt den Rückgang: «Die Nutztierhaltung verursacht enorme Klima- und Umweltschäden.»

Die rückläufige Produktion dürfte mit den überdurchschnittlich gestiegenen Preisen zu tun haben wie auch mit der sinkenden Fleischlust der Deutschen, die seit Jahren weniger Fleisch essen. Vergangenes Jahr war der Einbruch besonders stark: Pro Person seien 2022 52 Kilogramm Fleisch verzehrt worden, rund 4,2 Kilogramm weniger als im Vorjahr, teilte das Bundesinformationszentrum Landwirtschaft (BZL) Anfang April mit, gestützt auf vorläufige Zahlen. Dies sei der niedrigste Stand seit Beginn der Berechnungen im Jahr 1989.

Foodwatch betont, der Fleischkonsum sinke zwar, sei aber nach wie vor viel zu hoch für Klima, Gesundheit und Tierwohl. «Wollen wir die Klimaziele erreichen, müssen die Tierbestände mindestens halbiert werden - davon sind wir meilenweit entfernt.»

SCHULEN: «Hoffnung entsteht immer da, wo Menschen sich trotz Überforderung und Krisen zusammentun, um etwas zu verändern», erklärt die Sprecherin der Klimaschutz-Bewegung Fridays for Future, Annika Rittmann. «Wir waren die letzten Wochen viel in Schulen unterwegs und haben genau das jedes Mal erlebt: junge Menschen, die Schule zu einem besseren Ort gestalten, sich Raum nehmen und über Klima sprechen. Diese Selbstorganisation führt dann auch zu einem gemeinsamen Verständnis und mehr Sensibilität in der Klimakrise.»

TREIBHAUSGASE: Die Treibhausgas-Emissionen in Deutschland wurden laut Umweltbundesamt (Uba) seit 1990 um 40,4 Prozent reduziert. Das Ziel: Bis 2030 will Deutschland seinen Ausstoß an Treibhausgasen um 65 Prozent im Vergleich zum Jahr 1990 senken, bis 2045 klimaneutral sein. Das heißt, es sollen nicht mehr Treibhausgase ausgestoßen werden als wieder gespeichert werden können. Klimaforscher Latif sagt: «Wir allein können die Welt nicht retten, aber wir können zeigen, wie es technologisch funktioniert und dass in einem Industrieland wie Deutschland der Wohlstand durch Klimaschutz und Investitionen in erneuerbare Energien gesichert wird.»

Viel Zeit bleibt nicht. Uba-Präsident Dirk Messner hat kürzlich erklärt: «Um die Ziele der Bundesregierung bis 2030 zu erreichen, müssen nun pro Jahr sechs Prozent Emissionen gemindert werden. Seit 2010 waren es im Schnitt nicht einmal zwei Prozent.»

RENATURIERUNG: Bundesumweltministerin Steffi Lemke (Grüne) verweist auf das Aktionsprogramm «Natürlicher Klimaschutz». Es stünden dafür vier Milliarden Euro zur Verfügung, «mehr, als eine Bundesregierung jemals in diesem Bereich investiert hat». «Indem wir Auen, Wälder, Moore oder Flusslandschaften renaturieren und stärken, schützen wir nicht nur die Artenvielfalt, sondern auch noch unser Klima. Intakte Ökosysteme binden CO2 und sind damit unsere Verbündeten im Kampf gegen die Klimakrise. Außerdem sorgen wir so dafür, dass mehr Wasser in der Landschaft gehalten wird - eine Win-Win-Situation.»

Noch immer werden weltweit Jahr für Jahr riesige Waldflächen vernichtet. Von der UN-Organisationen für Agrar (FAO) heißt es, zwischen 1990 und 2020 seien schätzungsweise 420 Millionen Hektar Wald durch Abholzung verloren gegangen. Die Entwaldung sei in den letzten Jahren des analysierten Zeitraums weitergegangen, aber langsamer: Zwischen 2015 und 2020 wurde demnach die jährliche Abholzungsrate auf 10 Millionen Hektar geschätzt, im Vergleich zu jährlich 12 Millionen Hektar in den fünf Jahren zuvor. Zum Vergleich: Die Fläche Deutschlands beträgt etwas unter 36 Millionen Hektar.

BALKONKRAFTWERKE: Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck plant, den Bau von Solaranlagen zu beschleunigen. Erleichterungen soll es etwa für den Betrieb sogenannter Balkonkraftwerke geben, die es Verbraucherinnen und Verbrauchern ermöglichen, mit einem Solarmodul auf dem eigenen Balkon selbst unkompliziert Strom zu erzeugen. Der Geschäftsführer der Deutschen Umwelthilfe, Jürgen Resch, sagt: «Durch Balkonkraftwerke bekommt man plötzlich eine ganz andere Einstellung zu Stromerzeugung und Stromverbrauch. Sie sind für die Energiewende auch ein ganz entscheidender psychologischer Faktor, da Menschen selbst zum Teil der Energiewende werden und das bewusst erleben.»

FAHRRADWEGE: Städte und Kommunen bauen teilweise ihr Radwegenetz aus. Im Zentrum von Paris etwa soll bis Anfang kommenden Jahres eine verkehrsberuhigte Zone entstehen, wie Bürgermeisterin Anne Hidalgo im März ankündigte. Sie treibt seit Jahren die Verkehrswende in Paris voran, unter anderem durch immer mehr Radwege. Auch in New York gibt es ein umfassendes Radfahrkonzept mit bislang mehr als 2300 Kilometern markierter Wege. Der Allgemeine Deutsche Fahrrad-Club (ADFC) erklärt, grundsätzlich bewege sich auch in einigen deutschen Städten mit mehr als 500.000 Einwohnerinnen und Einwohnern langsam etwas, beispielsweise in Frankfurt am Main. Insgesamt sei das Fahrradklima in Deutschland aber immer noch schlecht.

FINANZINDUSTRIE: Dort habe das Umdenken längst begonnen, sagt Klimaforscher Latif. Wo große Finanzdienstleister Geld anlegten, sei mit Blick auf die Energiewende sehr wichtig. «Die brauchen aber Sicherheit und müssen wissen, wo der Zug letzten Endes hingeht, gerade für langfristige Anlagen wie Rentenfonds.» In erneuerbare Energien zu investieren, sei profitabel, fossile Brennstoffe hingegen würden immer weniger profitabel. «Wenn die Finanzbranche durch politische Rahmenbedingungen Sicherheit hätte, dann gäbe es meiner Einschätzung nach kein Halten mehr. Der dem Kapitalismus innewohnende Wettbewerb könnte die Energiewende massiv beschleunigen.»

VERPACKUNGEN: In Deutschland fällt laut Umweltbundesamt im europaweiten Vergleich zwar besonders viel Verpackungsmüll an. Der Branchenverband Unverpackt zeigt sich trotzdem hoffnungsvoll: Das Bewusstsein für und die Nachfrage nach den Attributen unverpackt, bio und regional steige, deshalb «blicken wir optimistisch in die Zukunft», erklärt Projektkoordinatorin Lisa Schulze. «Die Unverpackt-Läden leisten mit ihrem Verkauf von unverpackten, oft regionalen Produkten in Bioqualität damit Tag für Tag einen aktiven Beitrag, um für drei der großen ökologischen Krisen unserer Zeit - die Plastik-, Biodiversitäts- und Klimakrise - Lösungen zu bieten.

In dem Verband waren nach eigenen Angaben im März 274 geöffnete Unverpackt-Läden Mitglieder. In einem herausfordernden Umfeld sei die Zahl derzeit zwar rückläufig, viele Akteure in der Branche reagierten aber «mit einem hohen Maß an Kreativität, Innovation und Resilienz». Der Verband habe 115 Mitglieder mit dem Status «Laden in Planung», «so dass wir mit weiteren Ladeneröffnungen rechnen können».

FLÜGE: Für 2023 erwartet die Beratungsgesellschaft Roland Berger weltweit eine verhaltene Nachfrage nach Flugreisen. Im Vergleich zum Vor-Corona-Jahr 2019 falle die Zahl der erwarteten Geschäftsreisen um 28 Prozent niedriger aus, berichtete die Gesellschaft kürzlich über Ergebnisse einer Umfrage mit 7000 Beteiligten in den globalen Hauptmärkten. Statt zu fliegen nutzen die Menschen demnach vermehrt die Online-Kommunikation. Außerdem werden geänderte Reiserichtlinien, neue gesetzliche Vorschriften und mit steigender Tendenz auch ökologische Bedenken als Gründe genannt, auf Reisen zu verzichten. Bei den geplanten Privatreisen sei ein Rückgang um 19 Prozent zu erwarten.


Bildnachweis: © Andreas Arnold/dpa
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