9. Januar 2024 / Aus aller Welt

Experten fordern mehr Schutz von Böden

Gesunde Böden sind unverzichtbar für ein funktionierendes Ökosystem. Ihr weltweiter Zustand lässt Experten zufolge aber zu wünschen übrig. Ein Aspekt wirkt demnach besonders schwer.

Pro Hektar könnten im Boden bis zu 15 Tonnen Kleinlebewesen vorhanden sein, sagte der BUND-Vorsitzende Olaf Bandt. Die Artenvielfalt sei enorm.
von dpa

Böden können große Mengen Kohlenstoff speichern, sie reinigen Wasser, sind wichtiger Nährstofflieferant für Pflanzen und unerlässlich für die Ernährung der Weltbevölkerung. Damit diese wichtigen Funktionen erhalten bleiben, muss ihr Schutz Experten zufolge dringend vorangetrieben werden. Durch Flächenversiegelungen, intensive Landwirtschaft und Klimawandel seien viele Böden in einem schlechten Zustand, heißt es im in Berlin vorgestellten «Bodenatlas».

Herausgeber sind die Heinrich-Böll-Stiftung, der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) und der TMG Think Tank for Sustainability. Stiftung und BUND geben jährlich einen Atlas zu einem bestimmten Thema heraus, der der Wissensvermittlung dienen soll.

Es gehen täglich 55 Hektar Boden verloren

Insgesamt gelten den Herausgebern zufolge allein in der Europäischen Union mehr als 60 Prozent der Böden als geschädigt. 50 bis 80 Prozent der Böden weltweit hätten ihren Humusgehalt verloren, sagte Imme Scholz, Vorständin der Heinrich-Böll-Stiftung, in Berlin. Humus wird die fein zersetzte organische Substanz in Böden genannt. Er beeinflusst die Bodenqualität, stellt Nährstoffe bereit und fördert die Bodenstruktur.

Pro Hektar könnten im Boden bis zu 15 Tonnen Kleinlebewesen vorhanden sein, sagte der BUND-Vorsitzende Olaf Bandt. Die Artenvielfalt sei enorm. Besonders schädlich sei es, dass in Deutschland täglich 55 Hektar Land für Siedlungsbau oder Verkehrsflächen verloren gingen. Das entspricht etwas mehr als der Fläche der Vatikanstadt. Betroffen sind laut Bandt landwirtschaftliche Böden, Waldböden und Naturschutzböden.

Durch die Bebauung könnten Böden kein Wasser mehr aufnehmen oder atmen, wodurch die biologische Vielfalt schwinde und die Anfälligkeit für Hochwasser und Dürren steige. Das kann laut Scholz verheerende Folgen haben, wie derzeit an der Hochwasserkatastrophe in Niedersachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen zu sehen sei. Zwar habe die Umwandlung von fruchtbarem Boden in Siedlungs- und Strukturfläche seit der Veröffentlichung des vorherigen «Bodenatlas» im Jahr 2015 abgenommen, sagte Jes Weigelt, stellvertretender Geschäftsführer des Think Tank. Trotzdem sei die Zahl neuversiegelter Flächen immer noch «deutlich zu hoch».

Wüstenbildung weit verbreitet

Kritisch zu sehen ist laut «Bodenatlas» auch die Bildung von Wüsten. Davon spricht man, wenn Böden so geschädigt sind, dass sie ihre Funktionen schlechter oder gar nicht mehr erfüllen können. «13 Mitgliedstaaten der EU geben mittlerweile an, von Wüstenbildung betroffen zu sein», sagte Scholz. Das seien nicht nur Länder im Mittelmeerraum, sondern auch Länder wie Ungarn oder Bulgarien.

Böden können Experten zufolge mehr Kohlenstoff speichern als Wälder und sind wichtiger Lebensraum für viele Tiere. Mindestens ein Viertel aller Lebewesen der Erde bewohnen Böden, wie im «Bodenatlas» erklärt wird. «Böden sind lebenswichtig für die Anpassung an den Klimawandel», sagte Scholz. Demnach nehmen gesunde Böden mit einer ausgeglichenen Porenstruktur Wasser wie ein Schwamm Wasser auf und geben es bei Bedarf wieder ab. «Wesentlich ist, dass die Böden durch die Landwirtschaft geschont werden, damit sie diese Funktion erfüllen können.»

Als Beispiele für effektiven Bodenschutz in der Landwirtschaft nennt Bandt den Anbau von Zwischenfrüchten, den Verzicht auf Pestizide und das Pflanzen von Hecken. Sie schützten Ackerflächen vor Erosion - dem Verlust von Boden durch Wind oder Wasser - und förderten die Biodiversität. Die Herausgeber des Atlas fordern, Boden gleichrangig mit den gesetzlich verankerten Schutzgütern Wasser und Luft zu behandeln. Zudem brauche es auf europäischer Ebene ein eigenständiges Bodenschutzrecht.


Bildnachweis: © Daniel Vogl/dpa
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