2. Mai 2023 / Aus aller Welt

Warum die Liebe zum Spargel aussterben könnte

Das Stangengemüse hat wieder Hochsaison: Es ist wieder Spargel-Zeit. Doch vielleicht weniger als früher? Es gibt Anzeichen, dass die Deutschen langsam dem weißen Spargel den Rücken kehren.

Eröffnung der Spargelsaison auf dem Spargelhof Kutzleben. Das Stangengemüse hat wieder Hochsaison - aber wie beliebt ist es wirklich noch?
von Gregor Tholl, dpa

Ist der Hype ums «königliche Gemüse» bald Geschichte? Der Pro-Kopf-Konsum von Spargel ist in Deutschland nach einigen sehr starken Jahren zuletzt gesunken. Und die heimische Ernte ging deutlich zurück - weniger als letztes Jahr wurde zuletzt vor zehn Jahren gestochen. Doch bedeutet das nun, dass Massenhysterie und Medienrummel um das Stangengemüse vorbei sind? Glänzt das «weiße Gold» nicht mehr? Zeit für eine Spurensuche in der womöglich untergehenden Spargelrepublik.

Anzeichen dafür, dass die große deutsche Spargel-Liebe allmählich erlöschen könnte, weil die jüngere Generation ihn weniger mag, gab im vergangenen Jahr eine Yougov-Umfrage im Auftrag der Deutschen Presse-Agentur. Demnach ist Spargel bei jungen Erwachsenen deutlich unbeliebter als bei den Älteren. Ist er ein Seniorengemüse?

Junge Leute sind skeptisch

Spargelbauern nehmen die Skepsis junger Leute wahr. Der Vorsitzende des Beelitzer Spargelvereins, Jürgen Jakobs, sagt: «Grundsätzlich gibt es viele Ältere, die den Spargel im Frühling sehnlich erwarten, ihn selber schälen, liebevoll zubereiten und den Verzehr zelebrieren. Spargel hat den Nimbus eines Festessens für sie», sagt Jakobs. «Es gibt aber auf der anderen Seite, vor allem eher Jüngere, denen Spargelessen zu aufwendig ist», beobachtet Jakobs. «Die denken oft auch eher gleichgültig: "Kann man machen, muss aber nicht sein".»

Viele von denen gewinne man auch nicht mit dem fertig geschälten Spargel aus dem Kühlregal, auch wenn der eigentlich «den Schrecken von 20 Minuten Spargelschälen» nehmen sollte, wie Jakobs scherzt.

Das Anbaugebiet im brandenburgischen Beelitz in der Nähe von Berlin gehört zu den bekanntesten Deutschlands. Die Anbaufläche werde sich hier weiter verringern, sagt Jakobs. Derzeit seien es um die 1500 Hektar, zu Hoch-Zeiten etwa 2020 seien es rund 2000 Hektar gewesen.

«Es gab 2022 insgesamt einen Rückgang beim Spargelverbrauch - und zwar sowohl beim Inlands- als auch beim Importspargel. Das war wohl vor allem der Kaufzurückhaltung wegen des Ukraine-Kriegs und der um sich greifenden Angst vor Krise und Inflation geschuldet», sagt Jakobs. «Kartoffeln, Milch, Butter kauft man weiter, aber beim tendenziell luxusbehafteten Spargel macht man dann vielleicht eher Abstriche.» In diesem Jahr habe er bisher den Eindruck, dass das Kaufverhalten fast wieder auf dem alten Status zurück sei.

Trendwende?

Dennoch entscheide sich derzeit, ob die Spargelkultur hierzulande so bleibe wie sie lange war. «Wir machen uns nichts vor: Das Bohei um den weißen Spargel ist ein mitteleuropäisches Phänomen in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Schon die Holländer essen nur ein Sechstel von dem, was ein Durchschnittsdeutscher zu sich nimmt», so Jakobs. Die Frage sei, ob es eine Trendwende gebe und die Deutschen dem weißen Spargel den Rücken kehrten. «Viele Einwanderer kennen nur grünen Spargel, der weniger saisonal, vielseitiger anwendbar und einfacher zuzubereiten ist - auch auf dem Grill zum Beispiel.» Beim Kaufverhalten zeichne sich ein Trend zum grünen Spargel ab. Früher habe er nur 5 bis 10 Prozent Marktanteil gehabt, nun schon um die 20.

«Der grüne Spargel hat eben den großen Vorteil, dass sie den nicht schälen müssen», sagt der Kulturwissenschaftler Gunther Hirschfelder. Beim weißen Spargel sieht der Professor von der Uni Regensburg, der neben Geschichte auch Agrarwissenschaft studiert hat, außerdem das Problem, dass er nicht zu den aktuellen Ernährungstrends passe.

«Das klassisch deutsche Setting des Spargel-Essens in der Tradition gutbürgerlicher Küche mit Fleisch, Gemüse, Sättigungsbeilage und Soße sowie Besteck und dazu noch ein Glas Wein wird gerade total aufgebrochen», erläutert der Buch-Autor («Europäische Esskultur: Eine Geschichte der Ernährung von der Steinzeit bis heute»).

«Leute unter 30 haben eher mehr Verzehrsituationen über den Tag, mögen All-in-one-Essen aus einem Topf oder einer Schüssel, sowas wie Bowls, was es in vielen Asia-Läden oder arabischen Lokalen gibt», sagt Hirschfelder. Wichtig sei, dass es «easy to eat» sei. «Es soll schnell gehen, vielleicht sogar "to go", also unterwegs, und in erster Linie unfallfrei zu essen sein. Auch ohne zuviel Besteck. Da sind ganze Stangen, die man schneiden muss, unpraktisch. Das passt überhaupt nicht dazu, dass man beim Essen mit dem Handy spielt. Sie brauchen am besten Dinge, die sie mit einem Löffel essen können.»

Mit gekrümmten Rücken Spargel stechen

Der frühere Ruf des Spargels als weißes, reines Luxusgemüse, etwa in der Bundesrepublik der 80er Jahre, sei zudem ruiniert. Heute werde am Spargel als Saisongemüse am stärksten über Leiharbeit debattiert. Er hat mehr Geschmäckle als abgepacktes Gemüse aus Griechenland oder Spanien. «Die Bilder von Leuten, die in Bussen herangekarrt werden und dann mit gekrümmtem Rücken Spargel auf deutschen Feldern stechen müssen, sind uns näher. Der Spargel hat gerade bei jungen Leuten einen Image-Schaden erlitten als Gemüse der sozialen Ungleichheit.»

Die deutschen Spargelanbauer halten dagegen und wollen nun den Genuss nochmal auf die Spitze treiben. Sie haben als «Weltpremiere» den «Tag des deutschen Spargels» am 5. Mai ausgerufen. In einer Mitteilung hieß es vorab, dass Kunden an diesem Tag vielleicht ein paar Stangen Spargel gratis erhielten oder einen Spargelschäler mit dem Aufdruck «Scharf auf Spargel» - «oder auch eine der frechen Postkarten, die mit flotten Sprüchen wie "Einsame Spitze", "Spitzenqualität gibt es bei uns von der Stange" oder "Lieber unseren Local Hero als einen Globalplayer"» über die Vorzüge von deutschem Spargel informierten.


Bildnachweis: © Martin Schutt/dpa
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