9. Februar 2022 / Aus aller Welt

Entwicklung der Corona-Lage: Bricht die Welle?

Ist es eine bloße Untererfassung der tatsächlichen Infektionen oder deutet sich eine Trendumkehr in der nunmehr 5. Corona-Welle an? Die Beurteilung des momentanen Pandemie-Geschehens ist kompliziert.

In der fünften Corona-Welle in Deutschland sind aktuell erneut Höchstwerte bei der Zahl wöchentlicher PCR-Tests und dem Anteil positiver Befunde erreicht.

Seit Wochen geht es bei der bundesweiten Sieben-Tage-Inzidenz täglich weiter nach oben - nun aber erreicht die Kurve womöglich ein Plateau.

Am Mittwoch lag die Corona-Inzidenz offiziell erfasster Fälle laut Robert Koch-Institut (RKI) bei 1450,8 und damit nur noch geringfügig über dem Wert des Vortages (1441,0). Bereits seit Tagen schwächt sich der Zuwachs ab. Bricht die Welle oder könnte die Entwicklung andere Gründe haben? Was man bei der Bewertung der Pandemielage bedenken sollte.

Lage in der Welle

Den Höhepunkt der bundesweiten Omikron-Welle sehen Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach und RKI-Chef Lothar Wieler noch nicht erreicht, wie sie am Dienstag in Berlin sagten. Erwartet wird dies aber noch für den Februar. Bei der Abschätzung gibt es allerdings einige Unsicherheiten. So ist in der Modellierung des RKI, auf denen die Angaben zum möglichen Peak beruhen, noch nicht die Wirkung der Virusvariante einbezogen, von der Experten eine Zunahme in den nächsten Wochen erwarten: Omikron-Subtyp BA.2. Diese Variante könnte nach bisherigen Erkenntnissen noch besser übertragbar sein und die Omikron-Welle verlängern. Den derzeitigen Anteil von BA.2 bezifferte der Bioinformatiker Rolf Apweiler am Dienstag auf 10 bis eher 20 Prozent.

Regionale Situation

In manchen Bundesländern geht der Trend bei der Sieben-Tage-Inzidenz laut RKI weiter in die Höhe, während es in anderen zuletzt rückläufige oder stagnierende Zahlen gab. Berlins Gesundheitssenatorin Ulrike Gote sagte am Dienstag, es könne sein, dass der Scheitelpunkt in der Hauptstadt bereits erreicht oder gar schon überschritten sei. Hinweise darauf gebe es bei den Labordaten.

Tests

Seit Wochen melden Labore neue bundesweite Höchstwerte, sowohl bei der Zahl durchgeführter Tests als auch beim Anteil positiv ausgefallener Ergebnisse. In vielen Bundesländern sei bereits mehr als jede zweite von allen ausgewerteten Proben positiv, hieß es etwa vom Laborverband ALM. Die Positivrate, die bundesweit auf einen Höchstwert von rund 45 Prozent gestiegen ist, lässt darauf schließen, dass viele Infektionen derzeit nicht im Labor bestätigt werden und damit auch nicht in der offiziellen Statistik auftauchen. «Je höher der Positivenanteil bei gleichzeitig anhaltend hohen Fallzahlen ist, desto höher wird die Anzahl unerkannter Infizierter in einer Population berechnet (Untererfassung)», schreibt das RKI zu dem Thema im jüngsten Corona-Wochenbericht. Für RKI-Chef Wieler bedeutet dies aber nicht, dass der Durchblick beim Pandemieverlauf verloren geht, weil es neben den reinen Fallzahlen viele weitere Daten zu Erkrankungen gebe. Darin zeigt sich bisher kein Brechen der Welle.

Testverhalten

Fachleute schauen gespannt darauf, wie sich das Testverhalten der Menschen vor dem Hintergrund der Diskussionen über knapper werdende PCR-Testkapazitäten entwickelt. Teils sehr lange Schlangen vor Testzentren und mögliche längere Wartezeiten auf das Ergebnis für Menschen, die nicht den priorisierten Gruppen angehören, könnten gerade bei milden Verläufen zur Folge haben, dass PCR-Tests weniger in Anspruch genommen werden. Manche Menschen isolieren sich nach einem positiven Schnelltest, lassen ihre Infektion aber nicht mehr durch PCR abklären - solche Fälle gelangen dann nicht in die Statistik, in die nur PCR-Nachweise aufgenommen werden. Das Ausmaß der Untererfassung könnte laut Wieler voraussichtlich nach Ostern eine Studie zum Antikörper-Vorkommen in der Bevölkerung zeigen.

Krankheitsschwere

Zunächst zeigte es sich in anderen Ländern, mittlerweile auch in Deutschland: «Der Anteil der Menschen, die schwer an Omikron erkranken, ist geringer als bei Delta», sagte Wieler. Der Anteil der Ungeimpften, die mit Corona-Infektion in ein Krankenhaus kamen, sei bei Delta insgesamt fast so doppelt so hoch wie bei Omikron. Aber dennoch: «Unsere Daten zeigen ein deutlich höheres Risiko für eine Covid-19-Erkrankung bei ungeimpften Mitmenschen.»

Alter

Entwarnung bei der Kliniklage geben Fachleute und Politik auch deshalb noch nicht, weil sich bisher vor allem jüngere Menschen mit Sars-CoV-2 infizieren. Bei den Älteren gehen die Werte erst allmählich hoch. Auf Intensivstationen scheint sich inzwischen eine Trendumkehr hin zu einem Wiederanstieg der Patientenzahl anzudeuten. Die Zahl der Todesfälle sei im Moment rückläufig, könne aber wieder ansteigen, sagte Wieler. Gerade in der Gruppe ab 60 Jahren sind in Deutschland mehr Menschen ungeimpft als in anderen Ländern.

Lockerungen

Öffnungsschritte könnten dazu führen, dass sich die Welle länger hinziehe, warnte Lauterbach. Voriges Jahr hatte das RKI einen Plan mit Optionen zur Rücknahme von Maßnahmen vorgelegt. Für die mit Omikron nun ganz anderen Bedingungen ist bisher kein solches Papier veröffentlicht worden. Auf Anfrage teilte eine RKI-Sprecherin mit: «Natürlich hat das RKI die Entwicklung der Pandemie im Blick und passt Empfehlungen kontinuierlich an, aber letztlich sind Maßnahmen eine Entscheidung der Politik.»

Varianten

Selbst wenn die Omikron-Welle abebbt, muss das nicht das Ende der Pandemie bedeuten. Man müsse auch in Zukunft auf Überraschungen gefasst sein, sagte Apweiler. Nach seinen Worten werden weitere Varianten auftreten, die sich stark von den existierenden unterscheiden. Nötig sei eine rasche Impfung der Weltbevölkerung mit hochwirksamen Impfstoffen und eine weltweite Überwachung durch Virus-Erbgutanalysen.


Bildnachweis: © Britta Pedersen/dpa-Zentralbild/dpa
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